Ein Post, der uns wieder angezeigt wird, eine Erinnerung an ein gemeinsames Foto vom letzten Jahr – digitale Erinnerungen begegnen uns oft unerwartet. Social Media hat unser Trauern verändert, die digitale Welt das ganze Erinnern. Welche Herausforderungen, aber auch welche Chancen in digitaler Trauer liegen, damit befasst sich dieser Beitrag in unserem Blog.
Es passiert ganz unerwartet: Beim Öffnen von Facebook erscheint eine automatische Erinnerung – ein Foto von vor zwei Jahre, das dich gemeinsam mit einem Freund zeigt. Ihr wart zusammen auf dem Weihnachtsmarkt, habt ein gemeinsames Selfie mit Glühwein-Tasse gemacht und hochgeladen. Gute Zeiten, die ihr festgehalten habt. Mit einem Freund, der inzwischen verstorben ist. Das Bild lässt dich innehalten, da ist ein kurzer Stich, plötzlich wieder ein Kloß im Hals. Solche Momente gehören inzwischen zu unserer digitalen Lebenswelt. Wir nutzen soziale Netzwerke und Online-Plattformen jeden Tag, sind dort mit unseren Freunden und Bekannten vernetzt, informieren uns – lassen andere an unserem Leben teilhaben. Doch wenn das Leben endet – auch dann sind diese Plattformen da. Sie zeigen, wie sehr sie inzwischen auch zum Trauern und Erinnern dazugehören. Doch was heißt das eigentlich für jeden von uns: Was bedeutet das für unsere Trauer, für unsere bisherigen Rituale? Wie verändert das digitale Leben , die digitale Trauer den Umgang mit Verlust und Erinnern? Was muss, was sollte ich dabei beachten?
Neue Rituale durch „digitales Gedenken“
Stirbt jemand in unserem Umfeld, im Freundeskreis, der Nachbarschaft oder Beruf, dann griff man bislang üblicherweise zur Kondolenzkarte, um Mitgefühl und Anteilnahme auszudrücken. Das gehört heute für viele Menschen weiterhin dazu, doch haben zusätzlich – oder inzwischen manchmal alternativ – digitale Kondolenzformen Einzug in die Trauerkultur gehalten. Eigentlich ist das auch kaum verwunderlich, wo doch unser Leben insgesamt zunehmend digitaler wird. Gleiches gilt für Traueranzeigen in Zeitungen: Wo deren Verbreitung immer weiter nachlässt, da treten digitale Formen an ihre Stelle. Oftmals greift dies auch ineinander: Die örtlichen Zeitungen bieten beispielsweise zur klassischen Anzeige eine Veröffentlichung im Trauer-Portal auf der Website an. Und es gibt noch viele weitere digitale Formen des Erinnerns:
- Virtuelle Plattformen: Hier können digital Kerzen „entzündet“ werden, Freunde und Familie können Nachrichten hinterlassen. Es gibt eine Struktur, die Orientierung bietet, wie man seine Anteilnahme ausdrückt, oftmals können hier Fotos und Zitate den oder die Verstorbene präsent machen.
- Gedenkseiten auf Social-Media-Kanälen oder in speziellen Trauer-Portalen: Hier können die Trauernden Beileidsbekundungen und Texte schreiben, Fotos teilen, kurze Erinnerungen und Anekdoten erzählen. Diese Seiten können eine Art zentrale Stelle sein, an der sich die Trauernden digital sammeln.
- Erinnerungs-Posts zum Geburtstag oder Todestag: Ein Social-Media-Beitrag kann Trost spenden, ein Lächeln hervorrufen. Er kann die Trauer aber auch wieder sichtbar machen.
- Beileidsbekundungen in Kommentarspalten, die oft binnen Minuten zusammenkommen, Entfernung spielt keine Rolle mehr. Ein Kommentar, der ehrlich und persönlich ist, kann trösten, Anteilnahme zeigen. Gleichzeitig ist die digitale Welt ein „öffentlicher Raum“ – eine bedachte Wortwahl ist gefragt und immer auch der Gedanken an die Privatsphäre der Angehörigen.
Das Internet hat neue Räume geschaffen, in denen Erinnerung Platz haben und Trauer sichtbar wird. Diese Formen des „Trauern in der digitalen Welt“ ermöglichen es, zeit- und ortsunabhängig Anteil zu nehmen und ein digitales Andenken zu schaffen, das dauerhaft bestehen kann. Das ist gleichzeitig Chance, wie auch Verantwortung. Denn nicht umsonst heißt es: Das Internet vergisst nichts
Der digitale Nachlass: Was passiert mit dem Social-Media-Profil nach dem Tod?
Apropos Verantwortung: Mit dem digitalen Wandel stellen sich aber auch neue Fragen – zum Beispiel, wie es mit dem Insta-Account oder Facebook-Profil weitergeht, wenn jemand stirbt. Was passiert mit dem Profil? Wem „gehört“ jetzt der Account? Wer ist dafür „zuständig“? Nach dem Tod eines lieben Menschen gibt es sicherlich zunächst drängendere Fragen, aber irgendwann taucht eben auch dieses Thema auf: Was machen wir mit Facebook, Tiktok, Instagram und Co.? Denn wenn nichts unternommen wird oder keine Vorkehrungen getroffen wurden, dann existieren die Konten einfach weiter, dann „lebt“ der oder die Verstorbene online einfach weiter. Ein ganz neues Thema ist so in den letzten Jahren entstanden: der digitale Nachlass.
Auch wenn es auch tröstlich ist, dass jemand Spuren hinterlassen hat, dass es viele glückliche Bilder und Erlebnisse in den sozialen Medien gibt, es kann auch belastend werden, diese immer wieder vor Augen zu haben, „als wäre nichts geschehen“, als wäre er oder sie noch da. Nicht jedem fällt es leicht, damit umzugehen. Und, unabhängig davon, besteht auch die Gefahr, dass Konten und Accounts zweckentfremdet werden, dass sie für Betrug oder ähnliches missbraucht werden.
Um all dem vorzubeugen, bietet sich ein „Digitaler Nachlassverwalter“ an: Das ist im besten Falle jemand, dem oder der ich absolut vertraue und bei dem oder der ich mich darauf verlassen kann, dass alle im Vorfeld getroffenen Absprachen in guten Händen sind. So lassen sich die Überlegungen im Vorfeld besprechen. Und dann gilt es, eine Vollmacht auszustellen: Darin sollte festgeschrieben sein, dass die Person die vereinbarten Aufgaben „nach dem Tod“ übernehmen darf, also die Vollmacht über den Tod hinaus gilt, da sie ja genau diesem Zweck dient. Es sollte genau formuliert sein, was zu tun ist. Alles ist dann natürlich mit Unterschrift und Datum zu versehen. Davon sollte es immer auch eine Kopie an einem sicheren Ort geben, zum Beispiel in einem Bankschließfach oder Tresor.
Hilfe zu diesem Thema gibt es inzwischen natürlich auch online – die Verbraucherzentrale bietet beispielsweise eine Muster-Vollmacht für digitale Konten an. Hilfreich zur Orientierung und um dieser fordernden Zeit dann auch den Überblick zu behalten, ist eine Übersicht über alle Accounts (ähnlich, wie es vielleicht auch für Verträge und Versicherung sinnvoll ist). Auch eine Muster-Liste für diesen Zweck ist auf der Seite der Verbraucherzentrale zu finden. Wichtig ist hier, dass sie aktuell gehalten wird und Passwort-Änderungen dann entsprechend eingepflegt werden. Hier könnte direkt mit angegeben werden, was genau mit den Accounts oder Zugängen passieren soll – im Falle von Social-Media-Profilen wird es vermutlich ums Löschen gehen, aber bei Streaming-Accounts oder anderen Zugängen könnte etwa auch das Weitergeben an Angehörige oder Erben in Betracht kommen.
Aber wie geht das überhaupt – ein Facebook-Konto im Todesfall zu löschen?
Soweit die Vorüberlegungen – aber wie geht das eigentlich ganz praktisch? Manche Plattformen, darunter auch Facebook, bieten in den Einstellungen die Möglichkeit, jemanden als sogenannten Nachlasskontakt zu bestimmen. Auch kann das Profil in einen „Gedenkzustand“ versetzt werden: Es kann sich niemand mehr anmelden, dadurch wird das Konto geschützt. Aber es bleibt bestehen, damit sich Freunde und Familie erinnern können. Das geht auch auf Instagram und LinkedIn. Alternativ oder später kann veranlasst werden, das Profil zu entfernen bzw. zu löschen. Die genauen Voraussetzungen – etwa eine Todesfalbescheinigung oder ein rechtlicher Nachweis, dass man berechtigt ist, dies zu tun – sind im Hilfebereich bei den jeweiligen Plattformen zu finden.
Digitale Trauer zwischen Nähe und Öffentlichkeit – Chancen und Risiken
Unsere zunehmend digitale Welt bietet trauernden Angehörigen und Freunden neue und vielfältige Möglichkeiten: Menschen können quasi von überall Anteil nehmen – räumliche Distanz spielt hier keine Rolle mehr. Schöne gemeinsame Erinnerungen lassen sich ganz einfach sammeln und miteinander teilen. Trauernde können online Gemeinschaft erleben, die ihnen Halt gibt.
Doch gleichzeitig birgt Trauer im Netz aber auch ein paar Risiken: Die in die Kommentarspalte des Accounts geposteten Aussagen und Beiträge auf den Social-Media-Plattformen können leicht oberflächlich wirken, weniger persönlich. Denn, auch das ist die digitale Welt, persönliche Aussagen, die eigenen Gefühle sind dort sehr schnell öffentlich. Sie ermöglichen Außenstehenden Einblicke, die ansonsten eher privat geblieben wären; die im direkten Kontakt oder in der Trauerkarte nur einem kleinen Kreis offenbart werden. Oftmals nicht mal gewollt, kann mitunter ein Gefühl von digitalem „Voyeurismus“ entstehen. Ob wir digitales Trauern mehr als Chance oder mehr als Risiko begreifen, empfindet jeder unterschiedlich. Wie so oft hängt auch in diesem Fall viel davon ab, dass wir bewusst handeln und unseren Umgang mit Social Media sowie das dortige Geschehen reflektieren.
Digitale Trauer: Kein Ersatz, aber eine Ergänzung
Das gemeinsame Bild vom Weihnachtsmarkt hat viele Erinnerungen wachgerufen. Auch die Trauer ist wieder da, aber auch das Lächeln beim Gedanken an diesen Tag. Die heutigen digitalen Möglichkeiten schaffen eben genau diese beiden Dinge: Sie bewahren Erinnerungen und können Trost spenden, sie können aber auch die Trauer wieder sichtbar machen, inklusive Kloß im Hals. „Trauer im Netz“ ist eine große Erweiterung unserer traditionellen Trauerkultur. Sicher ist aber, sie ersetzt nicht das, was nach einem Todesfall von zentraler Bedeutung ist: Eine echte Umarmung, Menschen um mich herum und persönliche Gespräche – Nähe im realen Leben.
Digitale Räume ermöglichen aber auch Verbundenheit und Beistand über Entfernung hinweg. Sie schaffen neue Möglichkeiten, gemeinsam zu trauern, sich gemeinsam zu erinnern. Im Netz gibt es weitere, andere Möglichkeiten zum Austausch und zur Unterstützung, etwa in Gruppen und Foren, auf speziellen Trauer-Seiten. Das kann helfen, in einer Zeit, in der man sich schnell allein fühlt mit seinen Gefühlen, seiner Trauer. Bei einem bewussten, achtsamen Umgang mit digitalen Angeboten und mit einem entsprechend geplanten digitalen Nachlass sind sie eine bereichernde Ergänzung für Trauernde.

